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Weimar, 26. Januar 1776, Wieland an Merck Goethe kömmt nicht wieder von hier los. Karl August kann nicht mehr ohne ihn schwimmen noch waten. 's ist aber noch nichts Entschiednes... Weimar, 5. februar 1776 Wieland an Lavater Goethe bleibt vermutlich noch lange hier - er ist mächtig umsponnen und versucht nun das Abenteuer, von welchem ich abgestanden bin, sowie ich sah, dass es für einen andern aufgehoben sei... Er tut das Mögliche, und was Hunderten andern unmöglich wäre... Aber oh! wieviel mehr könnte, würde der herrliche Geist tun, wenn er nicht in dies unser Chaos gesunken wäre, aus welchem er doch - mit allem seinem Willen, aller seiner Kraft - doch keine leidliche Welt schaffen wird! Aber - war ich nicht schon achtunddreißig Jahre alt, da ich mich noch durch eine magische Einbildung und die noch stärkere Magie des verführischen Gedankens, viel Gutes im Großen, auf Jahrhunderte zu tun, an diesen Hof ziehen, in dieses gefahrvolle, mit Precipicen umgebne, doch immer unmögliche Abenteuer verwickeln ließ? Goethe ist erst sechsundzwanzig Jahre alt. Wie sollt er, mit dem Gefühl solcher Kräfte, einer noch größeren Reizung widerstehen können? Denn sein Ascendant über unsere Fürstenkinder, alt und jung, ist unglaublich. Und doch - doch, doch, wollen wir sehen! Wenn's auch nur nicht ganz so schlimm wird, als es sonst geworden wäre, wenn auch nur etwas Gutes geschieht, das sonst nicht geschehen wäre - so war's ja der Mühe wert!... Weimar, 15. Februar 1776, Siegmund von Seckendorff an seinen Bruder Albrecht. Das Ganze teilt sich in zwei Parteien, von denen die des Herzogs die geräuschvolle, die andere die ruhige ist. Man läuft, jagt, schreit, peitscht, galoppiert in der ersten und, sonderbar genug, bildet man sich ein, es mit Geist zu tun, und zwar wegen der Schöngeister, die daran teilnehmen. Es gibt keine Ausgelassenheit, die man sich nicht erlaubte. Die zweite langweilt sich meist, sieht alle ihre Pläne durch die erstere durchkreuzt, und das gesuchte Vergnügen schwindet gewöhnlich, wenn man es anspricht. Weimar, 6-8. März, 1776 Charlotte von Stein an Zimmermann. Goethe wird hier geliebt und gehasst; Sie fühlen wohl, dass es hier genug Dummköpfe gibt, die ihn nicht verstehen. Luise nimmt täglich in Freundschaft zu mir zu, aber unter den Gatten ist viel Kälte... Ich war den Abend im Konzert, Goethe nicht. Vor einigen Stunden war er bei mir...und war toll über Ihren Brief... Ich verteidigte Sie, gestund ihm, ich wünschte selbst, er möchte etwas von seinem wilden Wesen, darum ihn die Leute hier so schief beurteilen, ablegen, das im Grund zwar nichts ist, als dass er jagt, scharf reit't, mit der großen Peitsche klatscht, alles in Gesellschaft des Herzogs. Gewiss sind dies seine Neigungen nicht, aber eine Weile muss er's so treiben, um den Herzog zu gewinnen und dann Gutes zu stiften... Weimar, 10. Mai 1776 Charlotte von Stein an Luise von Döring Goethe verursacht hier großen Umsturz, wenn er auch wieder Ordnung machen kann, um so besser für sein Genie... All unser Glück ist von uns gewichen, unser Hof ist nicht mehr, was er war. Ein Herr, der mit sich selbst und mit aller Welt unzufrieden ist, der täglich sein Leben und sein bißchen Gesundheit aufs Spiel setzt, um diese letztere zu stärken; sein Bruder noch haltloser, eine bekümmerte Mutter, eine unzufriedene Gattin; alle zusammen gute Leute, aber nichts, was in dieser unglücklichen Familie zusammenstimmt. Basel, 13. Mai 1776 Iselin an Frey Alles duzt sich... Ein Mann von großem Verdienste und offenbar mehrerem Verstande, der Baron von Dalberg, Statthalter zu Erfurt und Kanonikus von Mainz, wollte neulich dem Herzog Besuch abstatten und fand ihn Blindekuh spielen mit den Philosophen. Man unterbrach sich ein wenig, um ihn zu begrüßen, und spielte dann weiter Blindekuh, was ihn, wie man sagt, nicht wenig verdross. Weimar, 1. Juni 1776 Siegmund von Seckendorff an seinen Bruder Albrecht ...Es ist beschlossen worden, allen denjenigen bedeutende Stellen zu verleihen, die bisher nur zur Unterhaltung des Herrn da waren... Aus ihrem Kreis soll ein Kammerpräsident und ein dirigierender Minister des Geheimen Consiliums genommen werden. Man geht damit um, sie mit glänzenden Titeln zu schmücken, und wir werden die Ehre haben unter ihren Fahnen zu marschieren. Schon längst für Automaten erklärt, werden wir bald als solche Dienst tun. In kurzem werde ich der einzige Kammerherr sein, zwar mit einer für jetzt genügenden Besoldung, aber ohne Aussicht auf künftige Erhöhung... Wöllmershausen, 11. Juni 1776, Bürger an Boie Hast du die schreckliche Nachricht, die hier eingegangen ist, aber noch einer Bestätigung bedarf, auch schon vernommen, dass Goethe - alas! - auf der Jagd gestürzt sei und den Hals gebrochen habe? Wandsbeck, 14. Juli 1776, Voss an Ernestine Boie In Weimar wäre ohnehin nichts mit des Grafen Beförderung gewesen. Es geht da erschrecklich zu. Der Herzog läuft mit Goethen wie ein wilder Pursche auf den Dörfern herum; er besäuft sich und genießet brüderlich einerlei Mädchen mit ihm. Ein Minister, der's gewagt hat, ihm seiner Gesundheit halben die Ausschweifungen abzuraten, hat zur Antwort gekriegt, er müßte es tun, sich zu stärken... Klopstock hat desfalls an Goethe geschrieben und ihm seinen Wandel vorgerückt...Goethe verbat sich in seinem und des Herzogs Namen solche Anmahnungen, die ihnen das süße Leben verbitterten, und Klopstock schrieb ihm darauf, dass er seiner Freundschaft unwürdig sei... Klopstock glaubt, es werde ein blutiges Ende für Goethe nehmen, denn der Adel ist aufs äußerste gegen ihn erbittert. Weimar, 22.Juli 1776, Wieland an Zimmermann Sie kennen mich und Goethen, und die Höfe und die Höflinge, und die dethronisierten Hofmeisters, und die Menschen überhaupt. Also glauben Sie nicht leicht, wenn Sie etwas Absurdes und Schlechtes von Weimar hören! Ich bin zwar bloßer Spektator von allem, was passiert; aber Sie können mir glauben: es geht so gut als möglich. Flensburg, 11. August 1776, Boie an Miller Der Herzog in Weimar soll viele tolle Streiche begehen, und Goethe soll brav mit ihm herumschwärmen. In Weimar hasst man Goethe sehr. Weimar, 5. Oktober 1776 Wieland an Gebler Wie viel oder wie wenig von dem durch ein seltenes und sonderbares Schicksal veranstalteten Beisammensein Herders, Goethes und Wielands unter den Flügeln eines jungen Fürsten von der edelsten Sinnesart zu erwarten sei, weiß ich nicht. Und was ich sagen kann, ist nur, wir sind da und leben in Glauben, Liebe und Hoffnung einmütiglich und einfältig beisammen, frei - dank sei es dem Himmel! - von unartigen Leidenschaften und unlauteren Absichten...und stolzer darauf, gute Menschen zu sein, als für außerordentliche Geister angesehen zu werden. Zween von uns, Goethe und Herder, werden...in der Sphäre ihres Berufes und Amts einen großen Teil ihrer herrlichen Geisteskräfte verbrauchen müssen... Zürich, 22. Oktober 1776, Bodmer an Meister Die Rede ist gegangen, dass Goethen in einem Duell das Leben verloren habe... Weimar, Ende November 1776, Diede in seinen Erinnerungen ...Dieser junge Herr befand sich um diese Zeit in einer besonderen Lage. Auf eine erduldete strenge Erziehung und dabei angenommenen schicklichen Anstand war seit dem Antritt seiner Regierung ein Zeitpunkt erfolget, da er sich dem Genuss einer unumschränkten Freiheit und jugendlichen, zum Teil wilden Ergetzungen ergeben hatte. Der Ruf hatte ihn jedoch schwärzer gemacht, als wir ihn gefunden... Wir bemerkten keine böse oder ungerechte Handlungen, keinen Hauptfehler des Charakters und daneben Aufmerksamkeit und edle Offenherzigkeit. Er liebte das Hofleben nicht und erschien mithin nur selten öffentlich. Er lebte mit einigen Freunden, worunter der berühmte Goethe der vornehmste war, auf Studentenmanier. Seine Kleidung war seltsam. Mit der Herzogin war er über den Fuss gespannt. Diese behandelte ihn mit übertriebener Kaltsinnigkeit, und sie stand ebensowenig mit der verwitweten Herzogin, welcher dermaßen der Herzog großes Zutrauen bezeigte, in gutem Vernehmen... Diese Verfassung machte den Hof unangenehm. Münster, 25. Januar 1777, Sprickmann an Bürger ...will ich ihnen nun hier doch eine Anekdote in der ärgerlichen Verleumdungsgeschichte gegen unsern Goethe hersetzten, die mich von neuem überzeugt, dass Bosheit und Neid seine besten Handlungen verdrehen... Ein Lord Chesterfield war...in Weimar. In einem Gespräche über England schämte der Herzog sich nicht, folgende Unanständigkeiten sich entfallen zu lassen. "Ich beneide Euch, Mylord." "Warum?" "Ihr seid in Eurem Vaterlande groß, aber doch ist jeder Eurer Mitbürger Euch gleich genug, sich selbst gegen Euch, wenn Ihr ihm zu nahe kommt, recht zu geben. Aber ich - wenn ich einem hier eine Ohrfeige gebe, keiner könnte oder würde mir eine wiedergeben!" Nun was sagt Ihr Bürger? Wenn Goethe das einem Herzog zum Gefühl machen konnte - ist das nicht leicht so göttlich, als eine "Stella" zu machen?... Weimar, 11. Juli 1782 Herder an Hamann Gestern ist der hiesige Kammerpräsident von hier abgegangen, mit tausend Talern Gehalt verabschiedet. Er ist ein junger Mann unter meinem Alter, der Goethe hierhergebracht, bei dem dieser zuerst gewohnt hat, der sich nach der allgemeinen Stimme auf seine Geschäfte sehr wohl verstand und den Goethe an seine Stelle brachte... Und nachdem seine ehrenvolle Demission im Consil diktiert worden, ist Goethe zum Kammerpräsidenten ernannt, doch ohne diesen Namen, der ohne Zweifel auch als Appendix zu klein ist. Er ist also jetzt Wirklicher Geheimer Rat, Kammerpräsident, Präsident des Kriegscollegii, Aufseher des Bauwesens bis zum Wegbau hinunter (Anmerkung von Karoline Herder: Direktor des Bergwerks), dabei auch Directeur des plaisirs, Hofpoet, Verfasser von schönen Festivitäten, Hofopern, Ballets, Redoutenaufzügen, Inskriptionen, Kunstwerkern usw., Direktor der Zeichenakademie, in der er den Winter über Vorlesungen über die Osteologie gehalten; selbst überall der erste Akteur, Tänzer, kurz, das Faktotum des Weimarschen, und, so Gott will, bald der Major domus sämtlicher Ernestinischer Häuser, bei denen er zur Anbetung umherzieht. Er ist baronisiert, und an seinem Geburtstage...wird die Standeserhebung erklärt werden. Er ist aus seinem Garten in die Stadt gezogen und macht ein adlig Haus, hält Lesegesellschaften, die sich bald in Assembleen verwandeln werden usw.usw. .. Alle Zitate aus: Wilhelm Bode: Goethe in vertraulichen Briefen seiner Zeitgenossen |